Sonntag, 10. April 2011

[Rezension] Uwe Timm - Am Beispiel meines Bruders ****


Kurzbeschreibung nach buecher.de:
Uwe Timms neues Buch ist ein bewegender und nachdenklicher Versuch über den Bruder, über Schuld und Erinnerung, es ist auch ein Porträt der eigenen Familie und eine Studie darüber, welche Haltungen den Nationalsozialismus und den Krieg möglich machten, was das mit uns zu tun hat und wie man darüber sprechen kann.

Inhalt: Uwe Timm ist der Nachzügler in der Familie. Sein Bruder ist 16, seine Schwester 18 Jahre älter. Und im Schatten seines Bruders lebt er von Anfang an. Eben dieser stirbt mit nicht einmal 20 Jahren aufgrund schwerer Beinverletzungen. Beide Beine mussten ihm abgenommen werden, trotzdem schafft er es nicht. Er war Mitglied der Waffen-SS, hatte sich freiwillig gemeldet.
Besonders der Vater hat schwer mit dem Verlust zu kämpfen und Uwe Timm spürt den Schatten seines Bruders ein Leben lang. Erst nachdem jeder der Familie, der diesen Bruder kannte, tot ist, gelingt es ihm über die Familie zu schreiben. Es ist ein Versuch sich Bruder und Vater anzunähern.

Meine Meinung: Der Titel lässt zwar vermuten, dass in es in diesem kleinen Band nur um den Bruder des Autors geht, vielleicht noch um ihr Verhältnis zueinander, aber schon nach wenigen Seiten stellt der Leser fest, dass viel mehr dahinter steht.
Uwe Timm hat nur eine einzige echte Erinnerung an seinen Bruder und von dieser Erinnerung ausgehend, stellt der Autor seine Familie vor. Auf den Leser wirken seine Erzählungen sehr assoziativ und doch kann man ihm gut folgen. Mit einfachen und doch eindringlichen Worten gelingt es ihm, den Leser direkt in diese Familie hineinzuversetzen.
Der Vater, der am Ende ein gebrochener Mann ist und dem der Verlust des Sohnes noch näher ging als der Mutter. Eben diese, die ein so schweres Leben hatte und doch auch bis zuletzt, nach dem ersten Schlaganfall gütig und gelassen ist.
Und während dem Leser die Familie vorgestellt wird, erfahren wir ganz nebenbei natürlich etwas über Uwe Timm, nicht nur über sein Leben damals mit den Eltern und der Schwester. Nein, auch darüber wie er sich heute – zur Zeit des Schreibens – fühlt. Wie schwer ihm einige Passagen gefallen sind.
Nicht umgehen kann der Leser die Fragen, die die Zeit des Nationalsozialismus aufgeworfen hatte. Uwe Timm 1940 geboren hat es selbst nur als Kind erlebt. Doch er hat gehört und gesehen, wie die Erwachsenen der Nachkriegszeit mit dem zweiten Weltkrieg umgegangen sind. Keiner will etwas gesehen, keiner etwas gewusst haben. Mit Verständnis und einfühlsam gelingt es Uwe Timm dies aufzudecken ohne Anklage zu erheben.
Er stellt auch Fragen an den Bruder, ob dieser Schuld empfunden hat, doch dieser Bruder hat nichts darüber in seinem Tagebuch notiert. Er möchte darüber nicht schreiben, bevor es dazu gekommen wäre, bricht der Bruder sein Tagebuch ab.
Und obwohl die Geschichte, die Uwe Timm über sein Leben erzählt, eine traurige ist, lesen sich die 160 Seiten flüssig und angenehm. Viele Fragen können nicht geklärt werden, aber am Ende weiß auch der Leser: Dem Autor ist eine Annäherung an seinen Bruder gelungen, an seinen Bruder, seinen Vater und auch an seine Mutter. Ob es eine Aussöhnung ist und ob diese überhaupt nötig gewesen wäre, muss jeder selbst entscheiden.
Fazit: Dieser Versuch der Annäherung hat mich tief bewegt. Es ist kein Zorn des Autors zu spüren, der es sicherlich im Schatten des Bruders nie leicht hatte. Und es gelingt dem Autor dem Leser nicht nur Eindrücke in sein früheres Leben zu geben, sondern auf ganz subtile Art mitzuteilen, wie schwer ihm dieser Versuch fällt.
Ein gelungenes Werk über Familie und über die drängenden Fragen an die Zeit des Nationalsozialismus.
Ich vergebe 4 von 5 Sternen. 

Über den Autor: Uwe Timm wurde 1940 in Hamburg geboren und ist bis heute Schriftsteller. Wie auch in dem hier rezensierten Werk beschrieben, stand er als Nachzügler von klein auf im Schatten seines 16 Jahre älteren Bruders. Seit 1971 ist er freier Schriftsteller und hat schon diverse Auszeichnungen erhalten, zuletzt 2009 den Heinrich-Böll-Preis.
Bekannt wurde er erstmals mit „Heißer Sommer“, erschienen 1974. Ein Buch über die Studentenbewegungen 1968.

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