Montag, 30. Juli 2012

[Buchgedanken] Das Nibelungenlied

Was wäre passender als euch gerade heute, gerade jetzt ein bisschen was über das Nibelungenlied zu erzählen? Warum gerade heute und jetzt? Naja, in dem Moment, in dem dieser Post auf dem Blog hier erschien, habe ich mein Staatsexamen begonnen. 30. Juli 2012, 13 Uhr - Staatsexamen Deutsch. Thema: Nibelungenlied und 'Kudrun'.

Das die 'Kudrun' euch nichts sagt, ist verständlich. Sie ist wenig bekannt und auch nur einmal überliefert. Aber:

"Das Nibelungenlied" ist DAS Werk, das im Mittelalter auf deutsch geschrieben wurde und noch bis heute zumindest in manch einem Kopf herumspukt. In manch einem. Doch viele wissen schon nicht mehr worum es geht, was die Handlung und welches die großen Themen sind.
Lange Zeit wurde dieses Epos als Nationalgut gehandelt, dann wurde damit auch viel Schwachsinn begründet (während des dritten Reichs) und nun scheint es mehr und mehr in Vergessenheit zu geraten, wenn man nicht gerade Germanistik studiert. 

Ich dachte mir, dass ich zumindest in kleinem Rahmen daran etwas ändern könnte. "Das Nibelungenlied" ist mein schriftliches Prüfungsthema fürs Examen. Das heißt, ich schreibe gerade 5 Stunden darüber und habe mich seit Monaten darauf vorbereitet. Soll heißen, dass ich doch mit Fug und Recht von mir behaupten kann, inzwischen etwas Ahnung vom Thema zu haben. ;)

Das werde ich nun nutzen, um euch von dieser Geschichte zu erzählen. Von Siegfried und Kriemhilt, von Gunther und Brünhilt. Von Liebe. Von Mord und Totschlag. Von Rache, Intrigen und Schlachten. 
Um zumindest ein bisschen den Prozess des Vergessens aufzuhalten.
Außerdem seht ihr dann mal, warum es hier in den letzten Monaten so still geworden ist ;)

Man weiß nicht, wer das Nibelungenlied verfasst hat. Sicher ist, dass es vor der Niederschrift eine mündliche Tradition gab, dass also die Geschichte oder zumindest Teile der Geschichte vorgetragen, erzählt, vielleicht auch gesungen wurden. Niedergeschrieben wurde es dann um 1200, auch hier weiß man nicht wann genau. Vermutlich in den Jahren zwischen 1180 und 1200. Auch das wo ist fraglich. Worms? Xanten? Vermutlich irgendwo im Süden "Deutschlands", also dem, was wir heute Deutschland nennen.
Wir haben heute 35 Handschriften, die uns das Nibelungenlied überliefern. Davon sind 11 (mehr oder weniger) vollständig. 24 zeigen nur Bruchstücke der Geschichte. 35 Handschriften klingt wenig, ist aber relativ viel, wenn man überlegt, dass sie ungefähr 800 Jahre überdauert haben. Wenige andere Werke sind so gut überliefert, wie das Nibelungenlied. So kann man darauf schließen, dass es schon zu seiner Zeit beliebt war, oft abgeschrieben und rezipiert wurde.
Die drei wichtigsten Handschriften werden A, B, und C genannt. Ursprünglich sollte es ihre Wichtigkeit symbolisieren. Heute geben aber die meisten Wissenschaftler B vor A den Vorzug und setzen C als eine spätere Niederschrift an, weil sich dort viele Veränderungen finden. 

Worum geht es aber nun?
Reproduktion einer Handschrift (C)
Uns ist in alten mæren   wunders vil geseit
von helden lobebæren,   von grôzer arebeit,
von freuden, hôchgezîten,   von weinen und von klagen,

von küener recken strîten   muget ir nû wunder hœren sagen.

Zumindest in der Handschrift C ist das der Leitsatz, mit dem das Nibelungenlied beginnt. Wie? Ihr versteht nichts? Lest euch mal laut vor, was da steht, dann versteht ihr bestimmt mehr. 

Das ist Mittelhochdeutsch. (Wie es zu dem Begriff Mittelhochdeutsch kommt, würde jetzt zu weit führen, falls ihr an so etwas Interesse habt, sagt mal in den Kommentaren Bescheid ;) ) Die Sprache, die im Mittelalter in Deutschland gesprochen wurde. Zumindest in Süddeutschland. Sie ähnelt unserem Deutsch und ist doch ganz anders. Ihr habt bestimmt nach dem lauten Vorlesen jetzt schon verstanden, worum es geht, aber trotzdem nochmal die Übersetzung:

Uns wird in alten Erzählungen viel Wunderbares berichtet,
von rühmenswerten Helden, großer Kampfesmühe,
von Freuden, Festen, von Weinen und von Klagen;

von den Kämpfen kühner Helden könnt ihr nun Wunderbares erzählen hören.

Nach dieser Einführungsstrophe, die ein sehr weites Feld eröffnet lernt der Leser gewissermaßen die Protagonistin kennen. Die wunderschöne Königstochter Kriemhilt aus Worms wird vom Erzähler vorgestellt. Schon hier wird - wie auch oft später auf das schreckliche Ende der Geschichte vorausgedeutet, denn Kriemhilt hat einen Traum, in dem ihr Falke von zwei Adlern zerfleischt wird. Da der Falke oft für den Geliebten steht, fällt es ihrer Mutter nicht schwer zu deuten, dass ihr Liebster umkommen wird. Kriemhilt schwört als junges Mädchen, das sie noch ist, der Liebe ab. 
Im Folgenden ist es Siegfried, der vorgestellt wird. Er ist Königssohn in Xanten, ein höfischer und tapferer Recke, der sich unsterblich in Kriemhilt verliebt, obwohl er sie nie vorher gesehen hat. So etwas ist in den Geschichten des Mittelalters durchaus nicht ungewöhnlich. Er reist nach Worms, um um Kriemhilt zu werben, fordert dort aber den König Gunther - Kriemhilts Bruder - heraus. Hier gab es in der Forschung viele Zwistigkeiten, warum Siegfried so vorgeht. Ich würde der Interpretation folgen, dass er seine Tapferkeit damit unter Beweis stellen wird. Erst hier in Worms erfährt der Leser übrigens von Siegfrieds Abenteuern, die er vor unserer Geschichte erlebt habt. Dazu gehört die Eroberung des Nibelungenhorts, der Kampf gegen den Drachen und das Bad in dessen Blut. 
Der Streit zwischen den Königen kann geschlichtet werden, Siegfried bleibt am Hof, aber bekommt Kriemhilt nie zu sehen. Gemeinsam mit Gunther zieht er in den Krieg und wird zu einem verdienten Mann an dessen Hof.
Als Gunther sich nun in Brünhilt von Isenstein verliebt, kommt Siegfrieds Möglichkeit Kriemhilt für sich zu gewinnen. Er sagt zu, Gunter bei der Brautwerbung zu helfen, wenn er danach Kriemhilt zur Frau nehmen kann. Brünhilt ist nämlich besonders. Um sie zu gewinnen, muss man sie in einem Wettbewerb besiegen. Gelingt dies nicht, wird der Werber mit seinem gesamten Gefolge getötet. Versteckt unter seiner Tarnkappe, die ihn unsichtbar macht, besiegt Siegfried an Gunthers Stelle Brünhilt. Gemeinsam kehren sie nach Worms zurück. Dort gibt es eine große Doppelhochzeit, die einzig davon überschattet ist, dass Brünhilt sehr bedauert, dass Kriemhilt unter ihrem Stand heiratet. Das stimmt nicht, doch sie muss es glauben, denn als Gunther bei ihr eintraf, um um sie zu werben, gibt sich Siegfried als sein Gefolgsmann aus, obwohl er selbst ja ebenfalls König ist. Außerdem gibt es einen weiteren Betrug, denn Gunther gelingt es nicht in der Hochzeitsnacht Brünhilt zu besiegen, denn sie weigert sich, sich ihm hinzugeben. In der folgenden Nacht ist es erneut Siegfried, der sie im Kampf besiegt, damit Gunther die Ehe vollziehen kann.
Die Familien trennen sich nach der Hochzeit. Siegfried führt Kriemhilt nach Worms. Beiden Paaren wrid ein Sohn geboren. Jahre später wundert sich Brünhilt immer noch über Siegfried Status und warum er keine Dienste leistet als Mann Gunthers. Sie schlägt vor die Xantener einzuladen. Dies geschieht auch, doch zwischen den Frauen kommt es zum Streit. Brünhilt wirft Kriemhilt vor, sie sei die Frau eines Lehensmann und damit nicht mehr frei. Kriemhilt hält entgegen, dass Brünhilt eine "Kebse" sei, also eine Konkubine. Sie weiß, dass Siegfried in der zweiten Nacht nach der Hochzeit bei ihr war. Ob sie wirklich denkt, dass ihr Mann auch mit Brünhilt geschlafen hat oder dies im Zorn sagt, kann nicht entschieden werden. 
Aber dieser Vorwurft verärgert den gesamten Hof in Worms. Insbesondere auch Hagen, den tapfersten und angesehensten Mann unter Gunthers Gefolgsleuten. Gemeinsam beschließen sie, dass Siegfried für diese Beleidigung, die seine Frau ausgesprochen hat, sterben muss. Mit einer List erfährt Hagen von Kriemhilt, wo Siegfried nach dem Bad im Drachenblut verwundbar ist, denn dort hatte sich ein Lindenblatt auf seine Haut gelegt. Gunther, Hagen und Siegfried gehen gemeinsam auf die Jagd und hier ersticht Hagen Siegfried mit einem Speer.
Kriemhilt weiß sofort, wer der Mörder ist, übt aber keine Rache, da sie in der schlechteren Position ist. Der Schatz aus dem Nibelungenhort wird ihr weggenommen von Hagen, obwohl er ihr gewissermaßen als Witwenrente zusteht. 
Es wird eine Zeit nun übersprungen und es beginnt der zweite Teil der Geschichte. Ging es bis jetzt um den Sagenkreis um Siegfried, wird mit der 20. Aventiure (Erzählung) die Geschichte um den Untergang der Burgunden begonnen.
Etzel, König der Hunnen wirbt um die Witwe Kriemhilt. Sie lässt sich nur schwer überzeugen ihn zu heiraten, insbesondere weil er kein Christ ist. Dietrich, der geschickt wurde, um als Werber zu fungieren, kann sie nun aber doch überzeugen. Kriemhilt gelingt es nun ihre Macht zu mehren und nach Jahren, die sie an Etzels Hof verbracht hat, ihm auch einen Sohn geboren hat, lädt sie ihre Brüder und auch Hagen zu einem Fest ein. Ihre Absichten sind deutlich: Sie will sich an Hagen rächen.
Tatsächlich kommt es nach einigen Provokationen zum Kampf, der sich über drei Tage hinzieht. Eines der ersten Opfer ist Ortwin, Kudruns Sohn. Aber auch ihr Bruder Gunter stirbt im Kampf. Sie selbst erschlägt eigenhändig den großen Helden Hagen, was alle Anwesenden bestürzt und einen engen Vertrauen Etzels dazu veranlasst ebenfalls Kriemhilt zu erschlagen.
Die Rache, die eigentlich nur Hagen treffen sollte, vernichtet das gesamte Volk der Burgunden, die hier im zweiten Teil der Geschichte oft auch Nibelungen genannt werden und zudem auch die meisten von Etzels Mannen. Er selbst ist einer der wenigen Überlebenden.
Das Nibelungenlied endet tragisch und mit der ernüchternden Erkenntnis, dass jede Freude immer wieder in Leid umschlagen wird.

Natürlich ist das nur eine Kurzfassung der Geschichte, aber so ungefähr wisst ihr also nun, was in diesem Werk, das insgesamt 2376 Strophen umfasst, passiert. Viel Krieg, viel Leid, viel geübte Rache. Aber auch die ganz große Liebe.
Nur als kleine Ergänzung: "Kudrun" (der zweite Teil meines Examens) ist gewissermaßen ein Gegenentwurf. Sie erleidet ebenso große Schicksalsschläge wie Kriemhilt im Nibelungenlied, nimmt diese aber viel mehr hin, stiftet Frieden und fungiert als Versöhnerin. Das Ende der Geschichte bildet eine grandiose dreifache Hochzeit. Also im Ganzen antithetisch zum Nibelungenlied.

So, jetzt seid ihr also auf dem Laufenden. Ich hoffe, es hat euch etwas interessiert und dass zumindest manch einer die langen, langen Text gelesen hat.
Jetzt bleibt mir nur noch, euch zu bitten mir die Daumen zu drücken, dass bei mir gerade alles super läuft. :)

Kommentare:

  1. Erst einmal bin ich in Gedanken bei dir und wünsch dir ganz sehr viel Glück. So gut, wie du Bescheid weißt, machst du das sicherlich klasse! *dir alle echten und imaginären Daumen drück*

    Wirklich ein sehr interessanter Post (sollte es für mich auch sein, wo ich ja ab Oktober - hoffentlich - Deutsch Lehramt studiere ;)). Also mich persönlich würde interessieren, wie genau der Begriff Mittelhochdeutsch geprägt wurde, aber ich kann es genauso gut googeln und werde es in den kommenden Jahren außerdem wohl eh lernen ;D.

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    1. Ja, es lief tatsächlich ganz gut. Auch wenn die Fragestellung anders war als erwartet, bin ich doch zufrieden. Nun muss nur noch die Note stimmen. ;)
      Ich hoffe, es klappt bei dir mit deinem Studium. Und ja... dann würdest du sowieso lernen warum es Mittelhochdeutsch heißt ;)

      Grüße

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  2. Hi Asaviel!
    Das liest man nicht alle Tage (wenn man nicht gerade Germanistik studiert, wie du so schön sagst). Ich hingegen kenne die Geschichte doch tatsächlich und hab mich sehr über den Post hier gefreut.
    Und so mancher Schüler trifft hoffentlich auch auf diese Zusammenfassung, wenn er nach dem Niebelungenlied googlet ;-)

    Ich hoffe, dein Tag war gut!

    Aber eine Frage hätte ich noch: Wie kommt es denn, dass du schon vor den Prüfungen weißt, welches Thema du bearbeiten wirst? Das ist in deinem Bundesland wohl anders, als in Bayern :)


    Liebste Grüße,
    EMMA

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    1. Naja...
      es steht so viel im Netz übers Nibelungenlied. Da wirft Google anderes schneller aus. ;)

      Wir bekommen ca. 5 Monate vor der Prüfung ungefähr ein Dutzend Themen wie "Das Nibelungenlied und Kudrun" oder "Minnelyrik um 1200" oder "Großstadtlyrik im 20. Jahrhundert" oder "Die romantische Komödie von Tieck bis Büchner". Jeder entscheidet sich für ein Thema und lern dann darauf. Die Themen sind sehr weit gefasst und du weißt dann nicht genau welches Gebiet dran kommt. Das sieht man dann eben erst in der Prüfung ;)

      Grüße

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    2. Das ist trotzdem schon viel genauer, als wir es hier lernen müssen.
      Wir lernen in Deutsch einfach ALLES, was wir mal in (z.B.) Deutsche Sprachwissenschaften gelernt haben und daraus kommt dann willkürlich was dran. :(

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    3. Oh... das ist wirklich viel.
      Also hier ist immer so, dass es für Mediävistik 3 Themen gibt, für Linguistik 3-4 und für Neuere deutsche Literatur so 6-7 Themen und du suchst dir ein einzelnes raus.
      Wirklich angenehmer, als bei dir :)

      Grüße

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  3. Also zunächst einmal drücke ich Dir ganz fest die Daumen.

    Ich fand es wirklich interessant zu lesen, es war mal etwas ganz anderes. Sehr grob kannte ich die Geschichte schon, aber wirklich nur grob. Ich stelle es mir doch recht interessant vor, sich mti so etwas so ausführlich auseinanderzusetzen.

    Hab also Dank für einen interessanten Ausflug!

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    1. Hey,

      ja, es ist interessant. Aber nach vier Monaten hatte ich dann jetzt auch wirklich genug von Siegfried und Kriemhilt und Hagen und Kudrun. Bin froh, dass ich mich jetzt mal wieder anderen Themen zuwenden darf. ;)

      Es freut mich, dass dir der Ausflug gefallen hat :)

      Grüße

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  4. Hallo ich kenne die Geschichte aus der Schule. Wir mussten damals in Gruppen kleine Hörspiele dazu machen. Ich habe Kriemhilt gesprochen^^

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    1. *hihi*
      Ja... ich find es schön, wenn es dann ab und zu doch noch Schulstoff ist. :)

      Grüße

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  5. Hallo, Asaviel.
    Die Menschen erzählen und ersinnen sich gerne solche Epen über Liebe, Leidenschaften, Verrat & Niedergang. Quasi die Bestseller früherer Tage. Die Allermeisten werden inzwischen das Nibelungenlied am ehesten noch mit Wagner verknüpfen. Mir selbst sind allerdings in den vegangenen Jahren ein paar Dokus unter die Augen gekommen, die sich dem Thema aus verschiedenen Richtungen (seriös) angenähert haben.
    Sogar ein hiesiger TV-Zweiteiler, der nicht ganz im Klischee-Kitsch verschwand.
    Auf Deinen Erfolg!

    bonté

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    1. Ja, das Nibelungenlied kann wohl mit Fug und Recht als ein Bestseller bezeichnet werden. Ich habe mich privat noch nie mit dieser Literatur beschäftigt und habe nach meinem Examen auch erstmal keine Lust dazu. Aber ich werde mich dann demnächst mit den deutschen Artusromanen von Hartmann von Aue befassen. Vielleicht gibt es dazu auch noch einmal einen kleinen Post ;)

      Grüße
      Asaviel

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