Mittwoch, 22. Januar 2014

[Meine Gedanken zu...] Homo Faber von Max Frisch

"Homo Faber" ist Allgemeinbildung, will sagen: Homo Faber gehört zur Allgemeinbildung. Üblicherweise hat man in der Schule gelesen, wie sich Walter Faber ohne es zu wissen in seine Tochter verliebt und wie das ganze dann tragisch endet.
Wenn man es nicht in der Schule gelesen hat, dann weiß man normalerweise, dass es Allgemeinbildung ist, besser: sein sollte und man hat dort eine Lücke in besagter Bildung - zumeist auch nicht weiter schlimm. Man kann ja schließlich nicht alles wissen.

Ich bin 25 Jahre alt, meine Lehrer in der Schule verzichteten auf "Homo Faber" und im Studium wurde es auch nicht thematisiert. 
Jetzt bin ich Referendarin und soll über kurz oder lang meine Schüler beim Lesen dieses Werkes unterstützen. Es ist Sternchenthema, prüfungsrelevant. Relevant für das Abitur. Es wird also mal Zeit.

Diese Gedanken im Hinterkopf bestelle ich letzten Sommer (merke: Es ist jetzt Januar!) motiviert und guter Dinge einen Schwung Bücher. Es gibt einige Bücher, die Jugendliche gelesen haben sollten oder die in irgendeinem Literaturkanon auftauchen, der Lehrern erzählt, was man mit Schülern zumindest lesen kann. 
Im Sommer nahm ich besagten "Homo Faber" (ja, immer noch motiviert) auch bald zur Hand und begann zu lesen. Um das Buch dann - ziemlich ernüchtert - auch bald wieder zur Seite zu legen und spannenderes zu lesen. 

Jetzt im Januar drängte aber dann wirklich mal die Zeit und ich wollte (, konnte und durfte) mich nicht geschlagen geben. Also ein nächster Versuch mit festem Willen das Buch zu lesen und was soll ich sagen?
Ich habe es gelesen und es liest sich sogar recht gut. Es ist über weite Teile spannend und man findet sich in verschiedenen Personen wieder, auch die Aussage, die der Autor damit treffen will (in der Fachsprache "Intention" genannt) ergibt sich sehr deutlich.

Was will ich damit sagen?

Man muss an ein derartiges Buch anders herangehen als an die normale "Freizeitlektüre". Natürlich ist die Sprache nicht so eingängig und leicht verständlich. Dies hier ist Literatur. Sie hat einen Anspruch an sich selbst und sie will etwas vermitteln, was auf ganz einfachem Wege sicher nicht zu bewerkstelligen ist.
Aber wenn man sich auf diese Lektüre einlässt, mit Haut und Haaren. Wenn man zunächst die Sprache als gegeben akzeptiert und wenn man mal vergisst, dass die Gesellschaft über den Begriff der Allgemeinbildung verlangt, dass man dieses Buch gelesen haben soll, wenn man also den Zwang dahinter vergisst - dann hat man ein Buch, in dem Probleme thematisiert werden, die jeden von uns angehen. 
Identität und Identitätsfindung, Technik und besonders Technik und Umwelt, Schwächen und Stärken und wie werden Stärken zu Schwächen und Schwächen zu Stärken? Familie, familiäre Bindungen? Schuld, Schicksal, Zufall und Glaube. Entscheidungen und ihre Konsequenzen. Um Weltbilder und den eigenen Standort in der Welt. Leben und Tod.
Natürlich verliebt sich (vermutlich und hoffentlich) keiner von uns oder auch von meinem zukünftigen Schülern jemals in seine Tochter, aber die Themen oben regen zum Nachdenken an und lassen sich schnell auf die heutige Lebenswelt übertragen. Ganz unabhängig auch davon, was man literaturkritisch und gattungsmerkmalbezogen im Unterricht zusätzlich besprechen kann, um den Stoff weiter zu durchdringen.

Jeder kann dieses Buch als Denkanstoß nehmen. Man muss sich nur darauf einlassen und auch mal großzügig über die Schwierigkeiten, die man vielleicht damit haben wird, hinwegsehen, sich durchbeißen und dann kann man behaupten: Ich habe "Homo Faber" gelesen und verstanden (glaube ich) und irgendwie habe ich auch das Gefühl, dass dieses Buch mich persönlich ein Stück weiter gebracht hat.




P.s. Dies ist keine Rezension und soll auch keine sein. 
Es sind meine Gedanken zu einem Stück deutscher Literatur, die ich auch persönliche Weise formuliert habe. Nebenbei bemerkt, gibt es sicher noch viel mehr, was man sagen muss, um dem Buch gerecht zu werden. Aber ich hoffe, dass es in dieser Form für jeden Leser meines Blogs interessant bleibt.

Hast du Homo Faber gelesen? Spaß dabei gehabt? Was hast du dabei empfunden? Warum hast du dich gelangweilt oder warum hat es Spaß gemacht? 

Kommentare:

  1. Hey,
    ein interessanter Beitrag :)
    Ich habe "Homo Faber" in der Schule in der 10. Klasse gewesen. Aufsätzige Pubertierende, die zu dieser Zeit nicht wusste, wo sie später im Leben hin will, begleitet von einem cholerischen Lehrer, der regelmäßig Wutausbrüche bekommen hat. Ich weiß noch, dass ich das Buch ein wenig mochte....aber das wars dann auch. Vielleicht wäre in meinem Kopf auch mehr hängen geblieben, wenn ich es ohne Zwang gelesen hätte. Vielleicht hätte auch ich mich darauf einlassen können, denn prinzipiell ist der Inhalt, den du beschreibst, nicht gerade uninteressant.
    Ich frage mich dann manchmal, warum man solche Werke, die schwer verständlich sind, mit Jugendlichen in diesem Alter "in der Pubertät" liest und nicht einfach Werke liest, die für sie viel eingängiger sind. Wir haben bspw. "die Wolke" gelesen. Das war super spannend und hat mich auch irgendwie geprägt.
    Natürlich geht es dann in der Schule auch um Allgemeinbildung, aber was nützt sie, wenn 75% (wage ich mal zu sagen) die Literatur nicht versteht, nicht verstehen möchte und aufgrund dieser Erlebnisse gar keine Bücher mehr lesen möchte ?!
    Ich glaube wenn die Umzugskartons ausgepackt sind und ich wieder weiß, wo sich "Homo Faber" befindet, dann werde ich es noch mal zur Hand nehmen. Du hast mich definitiv angelockt mit deinem Beitrag :)

    LG Nanni

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    1. Hey Nanni,
      ich persönliche finde auch, dass die Jugendbücher, die die Lebenswelt der Schüler mehr ansprechen, weiter in den Vordergrund gerückt werden sollten. Aber wie gesagt: Wenn man es nicht in der Schule liest, liest man es vermutlich gar nicht, deswegen sollten auch solche Werke nicht zu kurz kommen.
      Wichtig ist es, dass man das Unterrichtskonzept der Klasse anpasst, sodass eben nicht nur die guten 25% das Buch verstehen, sondern alle. Man muss es anders aufbereiten.

      Und wenn mein Beitrag ein bisschen was dafür getan hat, dass man das Buch doch nochmal zur Hand nimmt, freut mich das natürlich sehr. ;)

      Liebe Grüße

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  2. Deine Gedanken sind interessant, und natürlich liest man das anders als Harry Potter. Aber, ach, Homo Faber... Ist das wirklich ein gutes Buch? Schullektüre, Allgemeinbildung schön und gut - aber ist das wirklich die beste Literatur, die man aus dieser Zeit lesen kann?

    Es ist vielleicht als Schullektüre gut geeignet, weil es sich wunderbar interpretieren lässt. Weil sich darüber bestimmte Probleme erkennen lassen etc. Aber dass es wirklich Klassiker-Status haben sollte - so wie Goethe, Kafka etc. - das würde ich bestreiten. Das wird auch nur die Zeit zeigen.

    @Nanni: Ich denke schon, dass man Schülerinnen und Schüler mit der Schullektüre auch überfordern sollte. Wenn man nur das liest, was sich auf dem Niveau der Schüler bewegt, kann man wenig lernen. Überforderung natürlich gut dosiert. Aber das gehört unbedingt dazu würde ich meinen. Nur ob das ausgerechnet Max Frisch sein muss...

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    1. Hallo :)
      Geht es darum immer das Beste aus der Zeit zu lesen? Es geht um exemplarische Werke, ja. Aber im Zuge von Homo Faber werden auch noch "Dantons Tod" und "Agnes" gelesen. Hier werden also thematische Gruppierungen vorgenommen.
      Ich hab oben nie behauptet, dass "Homo Faber" ein Klassiker wäre. Das ist dieses Buch natürlich noch nicht.
      Schule verfolgt mit Literatur immer mehrere Ziele: Sie will zur Literatur erziehen. Also die Literatur soll durchdacht, interpretiert und verstanden werden - im Bezug auf den Aufbau, die Darstellungsweise, die Abhängigkeit von Form und Inhalt untereinander. Sie will aber auch mit der Literatur erziehen - dann inhaltlich gedacht mit dem, was da passiert.

      Bezüglich Überforderung:
      Überforderung ist klar negativ konnotiert. Schüler fordern und Schüler fördern ja. Aber das ganze so, dass sie nicht frustriert werden. Ist natürlich eine Gratwanderung.

      Im Ganzen liest sich dein Kommentar so, als wenn du im Speziellen etwas gegen Max Frisch hättest, was natürlich dein gutes Recht ist. ;) Aber warum nicht gerade Max Frisch? Manch einer findet ihn sicher ganz großartig. ;) (Ich selbst bin sicherlich irgendwo dazwischen :-P)

      Viele Grüße

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    2. Hallo.
      tja, geht es darum das Beste zu lesen? Das ist eine gute Frage! Die berechtigte Frage der Schülerinnen und Schüler ist doch immer: warum lesen wir das in der Schule? Also: warum lesen wir DAS und nicht etwas anderes. Die Klassiker müssen eben nicht gerechtfertigt werden, die haben sich lange bewährt, die gelten als herausragende Texte ihrer Zeit etc. Das sind gute Gründe, immer wieder zu Schiller oder natürlich auch Büchner z.B. zu greifen. "Agnes" wäre ein Sonderfall, weil das noch zur Gegenwartsliteratur zählt. Wer kann da einschätzen, ob das in zehn oder zwanzig Jahren, geschweige denn in hundert Jahren, noch irgendwen interessiert. Gegenwartsliteratur muss anders ausgewählt werden.
      Aber ich bin, ehrlich gesagt, nicht so glücklich, wenn in Schulen Bücher ausschließlich danach ausgewählt werden, was am Ende als Interpretationsergebnis herausspringen soll. Natürlich man kann das machen: Literatur nach 'Problemen' auswählen, weil man bestimmte Probleme im Unterricht behandeln will. Wichtig scheint mir aber das, was Du "zur Literatur erziehen" nennst. Also, ich lese ja in den seltensten Fällen heute einen bestimmten Roman, weil ich darin etwas über XY lernen kann. (Natürlich, es gibt diese Ausnahmen). Auf den Punkt gebracht: Ich denke, und da denke ich an meine Schulzeit, dass Literatur oft zu einem Gebrauchstext gemacht wird. Am Ende ist ein Ergebnis da, und dann ist der Text erledigt. Aber auf die Weise interessieren mich die Klassiker dann überhaupt nicht mehr - und Schülerinnen haben Recht, wenn sie das langweilig finden. Wenn ich etwas über Bürokratie und Modernisierung um 1900 lernen möchte - aber das möchte ich gar nicht -, dann greife ich doch nicht zu Kafkas Prozeß, dann nehme ich ein Sachbuch.

      Überforderung: Ja, die hat keinen guten Ruf. Jedenfalls im Deutschunterricht und in einigen anderen Fächern. Ich bin kein Pädagoge. Für mich kann ich sagen, dass es das befriedigendste Lerngefühl ist, erst wie der Ochs vorm Berg zu stehen, und am Ende (der guten Lehrerein seis gedankt) doch drüberzukommen. Ein Gefühl, dass man vielleicht eher aus einem guten Matheunterricht kennt.

      Max Frisch: Ja, den mag ich nicht besonders ;-)
      Und vielleicht ist das eher mein Problem, als das von Max Frisch. Wenn ich aber einen Text von Frisch neben, sagen wir, einen von Ingeborg Bachmann halte, dann finde ich das eine in der Regel sprachlich sehr schwach, das andere in der Regel brillant.

      Entschuldige, ist etwas länglich geworden meine Antwort...

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  3. Hallo!
    "Homo Faber" war eins der Bücher, die wir in der Schule gelesen haben, das mir rückblickend recht gut gefallen hat - und das kann ich nicht bei jedem behaupten. Ganz schlimme Erinnerungen habe ich z.B. an die Deutschstunden, die wir mit "Unterm Rad" von Hermann Hesse verbracht haben - und da habe ich mich dann wirklich gefragt, wieso zum Geier man sowas in der Schulzeit lesen muss. (Ähnliche Erinnerungen gibt es zu "Fabian" von Erich Kästner...) "Homo Faber" dagegen war eigentlich ok, es ließ sich gut lesen, war nicht so verschroben, und inhaltlich fand ich es interessant. Irgendwie ahnte man ja von vornherein, dass das alles nicht so gut enden konnte...
    Ich denke auch, dass man durchaus anspruchsvolle Literatur im Deutschunterricht lesen sollte, zumindest immer mal eins, damit man seinen Horizont schon als Jugendlicher erweitern und für sich herausfinden kann, was man in der Literatur mag. (Auf die Weise habe ich gemerkt, dass Gedichte und ich keine Freunde werden.) Aber Lehrer sollten nicht nur zu so "starkem Tobak" greifen - mittlerweile gibt es sooo wahnsinnig gute und viele aktuellere Jugendbücher, die auch ausgezeichnet wurden, und ebenfalls zum Nachdenken anregen. Da kann man sich ja auch mal Gedanken machen, und nicht nur zum schon vorgefertigten Lehrplan greifen mit den ganzen Klassikern der Weltliteratur... :)

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    1. Hallo Caroline,

      "Unterm Rad" habe ich während der Schulzeit auch nciht gelesen.
      Spannend ist es natürlich dann auch zu erarbeiten bei "Homo Faber": Woher kam diese Ahnung, dass es nicht gut enden kann? Wie macht der Autor das? :)

      Es gibt so Pflichtlektüren. Also zum Beispiel eben "Homo Faber", das ist in Baden-Württemberg Abi-Thema, das muss man machen. Und gewisse Vorgaben gibt es einfach zu erfüllen. Wobei es den von dir angesprochenen "vorgefertigten Lehrplan" (zumindest in Baden-Württemberg) gar nicht mehr gibt.
      Ich denke, es ist wichtig ein gesundes Mittelmaß zu finden: Klassiker bzw. gehobene Literatur der Gegenwart, um Schüler auch beizubringen, wie man mit dieser Literatur umgeht und eben Jugendbücher, die besonders thematisch gut zu den Schülern passt. :)

      Viele Grüße

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  4. Genau das Buch machen wir gerade im Deutschunterricht durch :)
    Ich für meinen Teil bin ehrlich gesagt nicht so begeistert, ich fand es eher uninteressant. Aber wahrscheinlich liegt das auch daran, dass es eben für den Unterricht war. ;) Sonst hätte ich es entspannt gelesen, anstatt es wie eine Aufgabe einfach abzuhaken.

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  5. Ich hab es noch nicht gelesen, dafür andere sogenannter Klassiker. Einige davon haben mir sehr gut gefallen, andere zu Tode gelangweilt. Das mit der anderen Herangehensweise mag stimmen, wobei es für mich normal kein Problem ist mich auf neue Schreib- und Sprachstile einzulassen, aber wenn es zu langweilig und langatmig geschrieben ist, nervt mich das irgendwann und wenn selbst beim überfliegen keine Besserung in Sicht kommt, muss ich das Buch erstmal zur Seite legen.

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  6. Also ich habe Homo Faber erstmalig - vor gefühlten Ewigkeiten - in der Schule gelesen….und war absolut begeistert. Die Sprache hat mir keine Probleme bereitet, eher im Gegenteil fühlte ich mich dadurch extrem angesprochen. Tolles Thema, super herübergebracht. Und auch sehenswert, die Verfilmung des ganzen….
    Nice day,
    Olivia

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  7. Wir haben Homo Faber in der Schule gelesen. Anfang der 10. Klasse (ist schon lange her, 1991). Ich fand es toll und mochte auch schon Andorra, was wir etwas früher auch schon gelesen hatten. Fand den Schreibstil damals toll und es war auch gerade der Film von Volker Schlöndorff zum Buch erschienen, den wir dann mit der Klasse im Kino angeguckt haben. Auch wenn ich den Protagonisten seltsam fand, war er doch interessant und sein Problem irgendwie sehr lebendig erzählt. Denke in jedem Fall, dass es eine der besseren Schullektüren ist - kein Vergleich z.B. mit dem langweiligen Kleider machen Leute oder - meiner Albtraumlektüre, weil zu lang und langweilig - Buddenbrooks. Ja, ich weiß, Mann ist deswegen Literaturnobelpreisträger, aber ich fand es unsäglich öde und war froh, als die Familie endlich dem Verfall erlegen war.

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  8. Hallo :)
    Interessanter Post, auf Bücherblogs liest man nicht gerade oft von "Homo faber" ;)
    Ich habe das Buch ebenfalls in der Schule gelesen, in der 13. Klasse, um genau zu sein. Und meine Gefühle und Gedanken dazu sind ziemlich hin- und hergerissen. Es gab viele Aspekte, die mir gefallen haben und literarisch ist das Buch ein Meisterwerk, jedoch hat mir das Lesen nicht wirklich Spaß gemacht und erneut würde ich es wohl eher nicht lesen.
    Doch du hast recht, es gehört zur Allgemeinbildung und ich bin froh es gelesen zu haben.

    Liebe Grüße,
    Carly

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