Mittwoch, 5. August 2015

[Rezension] Anthony Doerr - Alles Licht, das wir nicht sehen

Autor: Anthony Doerr
Titel:
Alles Licht, das wir nicht sehen
Originaltitel:
All light wie cannot see
Übersetzer: Werner Löcher-Lawrence
Genre: Gegenwartsliteratur/historischer Roman
Seiten:
519
Verlag:
C.H. Beck
Veröffentlichung: 20. Juli 2015
ISBN:
978-3406680632
Preis: 19,95 Euro
Oder beim Buchhändler vor Ort!

Klappentext:
Saint-Malo 1944: Die erblindete Marie-Laure flieht mit ihrem Vater, einem Angestellten des „Muséum National d’Histoire Naturelle“, aus dem besetzten Paris zu ihrem kauzigen Onkel in die Stadt am Meer. Verborgen in ihrem Gepäck führen sie den wahrscheinlich kostbarsten Schatz des Museums mit sich.
Werner Hausner, ein schmächtiger Waisenjunge aus dem Ruhrgebiet, wird wegen seiner technischen Begabung gefördert und landet auf Umwegen in einer Spezialeinheit der Wehrmacht, die die Feindsender der Widerstandskämpfer aufzuspüren versucht. Während Marie-Laures Vater von den Deutschen verschleppt und verhört wird, dringt Werners Einheit nach Saint-Malo vor, auf der Suche nach dem Sender, der die Résistance mit Daten versorgt … Hochspannend und mit einer außergewöhnlichen Sprachkunst erzählt Anthony Doerr die berührende Geschichte von Marie-Laure und Werner, deren Lebenswege sich für einen schicksalsträchtigen Augenblick kreuzen. (Quelle)

Meine Meinung:
Seit Jahren tue ich mich schwer mit Romanen, die in der Zeit des Nationalsozialismus spielen - zum Glück bestätigen die Ausnahmen die Regel und ich bin auch immer wieder gewillt es zu versuchen. "Alles Licht, das wir nicht sehen" wurde dieses Jahr (2015) mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Auszeichnungen schön und gut, aber sind die Werke dann nicht oft zu anstrengend als Unterhaltung? Der letzte Hinweis, dass dieses Buch nicht ganz einfach wird, lieferte der Verlag, den ich gut aus meinem Geschichtsstudium kenne. 
Bis hierhin viel gemunkelt und geunkt, aber dem Otto-Normal-Leser sei gesagt: Traut euch!
Natürlich ist dies kein locker leichter Roman, den man mit einem Auge und halb schlafend im Sommerurlaub am Strand schmökern kann, aber es ist ein Roman, der in den Bann schlägt und den Atem stocken lässt. 
Marie-Laure, das erblindete französische Mädchen, und Werner, Spezialist der Wehrmacht, begegnen sich spät im Lauf des Romans, verbringen nicht einmal 24 Stunden gemeinsam und trotzdem weiß der Leser bald, dass ihre Leben eng miteinander verknüpft sein werden. Marie-Laure muss Paris aufgrund des deutschen Einmarsches verlassen, ihr Onkel liebt Radios - und Werner spürt im zweiten Weltkrieg eben diese Radios und Radiostationen der damaligen Gegner Deutschlands auf. 
Erzählt wird die Geschichte auf verschiedenen Ebenen. Zum einen verfolgen wir natürlich wechselnd die Geschichte Marie-Laures und Werners, von ihrer frühen Kindheit bis in ihre Jugendzeit, die dann vom Krieg geprägt ist. Andererseits spielt der Roman über den größten Teil auf zwei verschiedenen Zeitebenen: Einerseits lernen wir die beiden Protagonisten in ihrem Leben vor und zu Beginn des Krieges kennen - sie sind schließlich beide zunächst ganz normale Kinder. Ihre Entwicklung wird aufgezeigt, wie eines zum anderen kommt. Aber schon auf den ersten Seiten gibt es immer wieder den Zeitsprung in die Gegenwart der Geschichte, eine Gegenwart, in der Marie-Laures Wohnort beschossen wird, die Häuser um sie herum Bomben zum Opfer fallen und sie - trotz ihrer Blindheit - ganz auf sich gestellt ist. Und Werner? Werner ist in dieser Gegenwart verschüttet in einem kleinen Keller. Hier lohnt es sich wirklich für den besseren Überblick die Jahreszahlen zu Beginn jedes Abschnittes im Blick zu behalten, um sich immer klar zu machen, in welchem Zeitabschnitt wir uns befinden. Bei der Hörbuchversion fällt dies naturgemäß schwerer. 
Besonders hervorzuheben ist Doerrs Sprachstil. Im personalen Er-Erzähler wird Marie-Laures Lebensweg aufgezeigt. Die Welt aus Sicht eines blinden Mädchens zu beschreiben, empfinde ich als hohe Kunst. Man kann nachfühlen, wie es ihr ergeht und welche Schwierigkeiten sie dabei hat. Gleichzeitig leidet sie kaum unter dieser Bürde, denn sie meistert ihren Weg. Auch alle anderen Empfindungen wie Furcht, Zweifel, Verzweiflung, Skrupel und Sorge, aber auch Hoffnung, Liebe und Freundschaft, die jeder Charakter mit sich trägt, werden von Doerr in Sprache verpackt, wie es mir bisher kaum vorher untergekommen ist. 

Fazit: Wie schon zu Beginn erwähnt: Dies ist keine leichte Lektüre - das lässt schon allein die Thematik nicht zu. Aber Anthony Doerr nimmt den Leser trotz aller drastischen Bilder und Formulierungen vorsichtig mit an die Hand und zeigt in vielen Grauschattierungen das Innenleben zweier junger Menschen, die sich einen kurzen Augenblick begegnen. Wenn man diesem Buch einen Chance gibt, kann jeder - du und ich - einige berührende Lesestunden erleben. 
Nicht nur für Literaturwissenschaftler!

Oder beim Buchhändler vor Ort! 

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